Wahlbeobachtermission startet…

Die Politik-AG hat sich vor den Weihnachtsferien nochmals mit Frau Bürgers getroffen und die Planungen sind in vollem Gange. Hier der Bericht von Leonie, Klasse 10g:

Walwatching? Wahlwatching!

Walwatching? Wahlwatching! Ein Schmunzeln geht durch den Raum, als Jana Bürgers erzählt, dass viele glauben, sie beobachte Wale, nicht Wahlen.

Der 23. Oktober ist ein ganz besonderer Tag für die Politik-AG des Anna-Essinger-Gymnasiums in Ulm. Statt in den normalen Unterricht zu gehen, bekommen die Schüler:innen Besuch von einer echten Wahlbeobachterin. Gespräche füllen den Raum, bis Jana Bürgers aufblickt und sich vorstellt. Die Stimmen verstummen, und Neugier liegt in der Luft. Der Tag beginnt für die Gruppe mit einem außergewöhnlichen Experiment: Einem Gummibärchen-Referendum. In der provisorisch aufgebauten Wahlkabine können die Schülerinnen und Schüler für oder gegen das Essen von Gummibärchen stimmen. Natürlich gelten dieselben Regeln wie bei einer tatsächlichen Wahl, oder? Bei der Auszählung, welche die Schüler:innen selber durchführen, wird schnell deutlich: Irgendetwas stimmt nicht. Und tatsächlich: Nicht jeder durfte wählen, es gibt mehr Stimmen als Wähler, Schüler:innen wurden bestochen, und sogar Wahlplakate hangen in der Kabine. An dieser spielerischen Wahl erklärt Jana Bürgers, weshalb Wahlbeobachter:innen so wichtig sind: Sie beobachten den Ablauf, überprüfen, ob die Wahlen frei, rechtssicher, fair und transparent ablaufen, und machen mögliche Manipulationen, wie in dem Beispiel, sichtbar. So tragen sie dazu bei, Vertrauen in demokratische Prozesse zu stärken. Wichtig dabei: Unvoreingenommen sein. Deutlich wird, wie sehr sie für ihre Arbeit als Wahlbeobachterin brennt. Und das noch nach über 20 Jahren. Angefangen hat die damalige Studentin, als Kurzzeitbeobachterin. „Ich fand es von Anfang an unglaublich faszinierend“, sagt Jana Bürgers, „auch nur als Kurzzeitwahlbeobachterin am Wahltag selber da zu sein, und die Begeisterung hält sich bis heute.“ 2014 absolvierte sie ihre erste Mission als Langzeitwahlbeobachterin. Dabei verbringt man sechs Wochen im jeweiligen Land, beobachtet den Wahlkampf, und trifft sich mit verschiedenen Akteuren. Dazu gehören Kandidat:innen, Parteien, Medien, Vereine oder auch Wählende. Im Gespräch erzählt sie: „[…] Es ist so ein Geschenk, so viele Menschen zu treffen, in so kurzer Zeit, und so intensiv.“ Während ihrer 29 Missionen war sie schon in so einigen Ländern und durfte neue Eindrücke sammeln. Angefangen von Wahlplakaten bis hin zu einer Einweihung eines Flughafens in Albanien, zu der der Kandidat in einem Flugzeug ankam. Die Menschen versammelten sich dort, um auf diesen Moment zu warten. Sie erklärt: „Am meisten gefällt mir, dass ich in verschiedene Länder komme und die von einer Seite kennenlerne, die ich als Touristin so nie erleben würde.“ Jana Bürgers erzählt eindrucksvoll von ihren Erfahrungen als internationale Wahlbeobachterin in den USA oder auch in Malawi. Im Gespräch erzählt sie mir, sie habe es noch nicht in die Mongolai geschafft, das interessiere sie auch noch. Auch würde sie mal gerne nach Russland, Belarus oder in die Ukraine, wenn das eines Tages mal wieder möglich ist. Inspiriert von der Arbeit erfahrener Wahlbeobachter:innen wie Jana Bürgers, bekommen die Schülerinnen und Schüler die Chance, die Landtagswahl in Baden-Württemberg aus nächster Nähe mitzuerleben, als Langzeit- oder Kurzzeitwahlbeobachter:innen. Dabei übernehmen die Jugendlichen Aufgaben wie die Großen: Sie führen Interviews und überprüfen am Wahltag, ob alles nach rechten Dingen verläuft. Nach heiteren Gesprächen und allen möglichen Fragen geht die Veranstaltung langsam, aber sicher zu Ende. Die Stühle werden zusammengeschoben, es wird aufgeräumt und gelacht. Als die letzten Teilnehmer den Raum verlassen, nimmt sich die Wahlbeobachterin der OSZE noch einen Moment Zeit für ein kleines Interview. Sie rät allen jungen Leuten, die das erste Mal wählen gehen, sich vorher gut zu informieren und nicht auf einzelne Fake-News reinzufallen. Ebenfalls erklärt sie nochmal: „Es [Wahlbeobachtung] ist einfach eine wichtige Aufgabe, die den ganzen Prozess stärken soll und Vertrauen schaffen soll und Transparenz schaffen soll.“ Auch schwärmt sie von der Wahl in der Ukraine 2014, als man die „Begeisterung der Leute und die Freude und Dankbarkeit, wählen zu dürfen“ im ganzen Land gespürt hat.

Walwatching? Wahlwatching! So begann der Tag, voller Neugier und Spannung. Als der Tag zu Ende geht, bleibt die Erkenntnis: Demokratie lebt vom Mitmachen, und davon, genau hinzuschauen.

Leonie Buonanno, Klasse 10g, Anna-Essinger-Gymnasium Ulm